Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

In Anerkennung ihrer bedeutenden Verantwortung und Sorge für das Wohl und den Schutz von Minderjährigen [...]haben sich die (Erz-)Bischöfe der nordrhein-westfälischen (Erz-)Diözesen mit der Ordnung zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen auf gemeinsame Anforderungen und Vorgaben zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt verständigt. Neben der reinen Definition des Geltungsbereiches und der Begriffsbestimmungen liegt der besondere Schwerpunkt des Papieres dabei auf der Entwicklung eines institutionellen Schutzkonzeptes.

In §6 gewährleistet der Rechtsträger entsprechend, verbindliche Verhaltensregeln, die ein fachlich adäquates Nähe-Distanz-Verhältnis, einen respektvollen Umgang und eine offene Kommunikationskultur gegenüber Minderjährigen [...]betreffen, in einem Verhaltenskodex sicherzustellen. Dieser ist von allen Personen[...], die im Rahmen ihrer haupt-, neben- oder ehrenamtlichen Tätigkeit Minderjährige[...] beaufsichtigen, betreuen, erziehen, ausbilden oder vergleichbaren Kontakt zu ihnen haben, durch Unterzeichnung einer Selbstverpflichtungserklärung anzuerkennen. Daneben wird deren persönliche Eignung durch die Vorlage einer Selbstauskunftserklärung und eines erweiterten Führungszeugnisses, sowie einer dauerhaften Fortbildungspflicht sichergestellt.

In Ergänzung dieses bereits weit über die staatlichen Regelungen hinausgehenden Konzepts des Erzbistums Paderborn wurden alle erzbischöflichen Schulen den Qualitätskriterien für Katholische Schulen entsprechend zusätzlich aufgefordert, eine jeweils individuelle Achtsamkeitsvereinbarung zu erarbeiten, die ihr eigenes Erziehungskonzept widerspiegelt.

Nun liegt der wesentliche Effizienzvorteil von Konfessionsschulen in einem verstärkten Augenmerk auf die Lehrer-Schüler-Beziehung, einer stärkeren Förderung der Interaktion zwischen Elternhaus und Schule, Werten, die von beiden geteilt und gelebt werden, und den zu Grunde liegenden Philosophien der Nächstenliebe und des besonderen Engagements.[1] Diesen Vorteil haben wir als Hildegardis-Schule genutzt und uns als Arbeitsgruppe aus Präventionsbeauftragtem, Schulseelsorger, Kollegium, Schüler- und Elternschaft nicht nur auf eine, die in der Präventionsordnung festgehaltenen Inhalte betreffende, Gehorsamsverpflichtung beschränkt, sondern vielmehr gemeinsame Zielsetzungen mit neuer Verbindlichkeit ausgelegt und deren Umsetzung auf das Fundament der Menschenwürde gestellt. Aus der Wahrung dieses Grundprinzips christlichen Lebens erwachsen für uns die Schutzbestimmungen für ein achtsames Miteinander.

So bleibt auch unserer Überzeugung nach eine christliche Erziehung ohne persönliche Nähe und ohne Liebe undenkbar[2], Vertrauen das Grundprinzip jeder Pädagogik, muss präventive Persönlichkeitsentwicklung auf der individuell richtigen Balance zwischen pädagogisch notwendigem Freiraum und allgemeingültigen Verhaltensregeln aufbauen. Sie braucht Besonnenheit, kann Risiken verringern, aber niemals absoluten Schutz garantieren. In jedem Fall aber muss sie in der Lage sein, eine Geheimniskultur zu verhindern, um Missbrauch welcher Art auch immer frühzeitig zu beenden.

Das in diesem Sinn entstandene, nachfolgende Konzeptpapier trägt hoffentlich dazu bei, unsere Schule zu einem sicheren Ort des kognitiven, emotionalen und psychosozialen Aufblühens junger Menschen zu machen.


Nähe und Distanz

- Grenzwahrende Beziehungen als Dimension pädagogischen Handelns -

Die Missbrauchsskandale in den unterschiedlichsten Institutionen lösen in uns große Scham aus. Sich von ihnen zu distanzieren, indem man sie zu Einzelfällen erklärte, erscheint uns ebenso unangemessen, wie den gesamten Lehrer- und Erzieherberuf unter Generalverdacht zu stellen.[3]

Wir begegnen dem Gefühl der Betroffenheit daher mit geschärftem Verantwortungsbewusstsein und dem Mut, einer Disziplin der äußeren Ordnung von Beziehungen durch verbindliche Regeln schulintern mit einer Kultur des achtsamen Miteinanders zu begegnen.

Die Hildegardis-Schule will so Schutzraum sein, in dem alle Schülerinnen und Schüler wissen, dass ihre Grenzen wahr- und ernstgenommen werden, dass man ihnen zuhört und ihnen geholfen wird. Und doch setzen wir aus christlichem Selbstverständnis und pädagogischer Überzeugung heraus bewusst auf Nähe im Sinne ebenso vertrauensvoller wie grenzwahrender Beziehungen.

1. Christliches Selbstverständnis

Unser Schulprogramm beginnt mit dem Bibelvers:

Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solchesKind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf."(Mk9, 36-37)

Jesus selbst also hatte keine Berührungsängste.[4]Darüber hinaus war er sich seiner Verantwortung den Schwächsten gegenüber aber mehr als bewusst, schließt er doch seine Warnung vor der Verführung und der Verachtung von Jüngern mit den Worten: „Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines Vaters.“[5]

Auch der Apostel Paulusschreibt im Römerbrief: „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes“, und er warnt im ersten Korintherbrief sogar: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.“[6]

Konkret auf Katholische Schulen bezogen heißt es schließlich in den Verlautbarungen des
II. Vatikanischen Konzils: „Ihre [der Katholischen Schule] besondere Aufgabe aber ist es, einen Lebensraum zu schaffen, in dem der Geist der Freiheit und der Liebe des Evangeliums lebendig ist. [...] Die Lehrer aber seien sich bewusst, dass es in höchstem Maße von ihnen abhängt, wieweit die Katholische Schule ihre Absichten und Initiativen verwirklichen kann.“[7]

In Bezug auf seine Gebote stellt Jesus das Alten Testament nicht in Frage, sondern gibt ihmdurch die Reduzierung auf „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken“ und „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“[8] ein neues Fundament, von dem aus sich alles andere ergibt. Wer sich von diesem Fundament getragen weiß, der ist wie er in der Lage, Regeln im Bedarfsfall situativ angemessen auszulegen.

Übertragen auf Katholische Schule hieße das: Wo Regeln nicht von Verstehen getragen werden, sondern liebevolle Annahme und Empathie ersetzen, hört sinnerfülltes Leben auf, führt Streben nach makelloser Außendarstellung letztlich zu einer Selbstverneinung.[9]

Entscheidend für den Erfolg von Schule aber sind gerade offene Menschen und ihre tragfähigen Beziehungen untereinander[10], denn positives Lernen braucht gegenseitig wertschätzende Wahrnehmung, Ermutigung und verbindliche, sowie vertrauensvolle Partnerschaften.

Ein Kind muss nach diesem Selbstverständnis gerade in der Schule auch Kind bleiben dürfen und das hat zuweilen eben das Bedürfnis, an die Hand genommen, geführt und berührt zu werden, natürlich aber auch das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit, Schutz und Geborgenheit in einer sicheren Gemeinschaft.

2. Pädagogische Überzeugung

Der Grundstein unserer Schule trägt die Worte Pierre Fouriers: Omnibus prodesse obesse nemini (Allen nützlich sein, niemandem schaden.)

Daraus erwächst für uns der Auftrag, mit großem Verantwortungsbewusstsein die jeweils persönliche Grenze und Integrität jedes Einzelnen individuell zu erkennen und zu wahren und ihn in seiner ihm eigenen Entwicklung bestmöglich zu fördern. Das beinhaltet natürlich, formale Berufsrollen kompetent auszufüllen, sich andererseits aber zugleich auf persönliche, emotional geprägte Beziehungen einzulassen[11], für deren Qualität Verantwortung zu übernehmen und sich seiner Vorbildfunktion bewusst zu sein. Diese Grundsätze bilden zugleich die Basis der Hausordnung und sind in der Betriebsanleitung auf Seite 4 festgehalten.

Durch eine belastbare Gemeinschaft, die füreinander da ist und aufeinander achtet, wollen wir allen Schülerinnen und Schülern Schutz, aber auch Nähe und Geborgenheit schenken, um eine emotional stimmige Lernatmosphäre zu gewährleisten. Dabei sehen wir gerade in der Beziehungskompetenz der Lehrkräfte, neben der selbstverständlichen didaktischen, Fach- und Führungskompetenz, eine elementare Rolle. Werden sie in die Lage versetzt, ihren Schülerinnen und Schülern authentisch und mit Wertschätzung, Interesse und Empathie zu begegnen, schafft das beste Voraussetzungen für das Gelingen von Schule, können viele Störungen im Verhalten, der Konzentration und des Lernerfolges vermieden werden.[12]Zudem führt eine gelungene Kombination von Führung und persönlicher Zuwendung zu wachsendem Selbstvertrauen und sozialer Kompetenz, sowie einer stärkeren Schulorientierung.[13]

Zuverlässige Beziehungen aber können nur da aufblühen, wo Erwachsene als Persönlichkeit auftreten, sich menschlich zeigen dürfen und nicht nur auf ihre Rolle beschränken müssen, denn Erziehung bedingt bisweilen, intuitiv und spontan zu handeln, sind doch nicht nur die Schülerinnen und Schüler alle verschieden, sondern die sie unterrichtenden Erwachseneneben auch. Gerade als katholische Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft stehen wir dabei in besonderer Weise unter dem Anspruch, der christlichen Grundvorstellung Rechnung zu tragen, dass jeder einzelne Mensch Anspruch auf Achtung seiner Individualität hat, dass er durch Einbindung in die Gemeinschaft den notwendigen Schutz und die Hilfe erfährt, die seine Entfaltung nötig hat und, dass er darauf angewiesen ist, dass man ihm vertraut.[14] Vertrauensräume aber, gerade interpersonelle Beziehungen zwischen Menschen betreffend, die auf Loyalität, gegenseitige Zusagen und persönliche Verbundenheit beruhen, können nicht in allen Details rechtlich geregelt werden.[15]

Natürlich sind allgemeingültige Normen und verbindliche Verhaltensregeln zur Wahrung der Intimsphäre durch zum Beispiel Fragen nach geeigneten Räumlichkeiten, adäquater Sprache und Wortwahl oder angemessenem Körperkontakt nicht verhandelbar und entsprechend aus gutem Grund in der Präventionsordnung festgehalten, doch können sie eine selbstreflektierte Grundhaltung, verbunden mit der Bereitschaft, die Gefühlsreaktionen des Gegenübers wahr- und ernst zu nehmen und in der Folge eigene Denk- und Verhaltensmuster kontinuierlich zu überdenken, nicht ersetzen. So verstehen wir den Sendungsauftrag Alix le Clercs: „Fais le grandir – lass es wachsen“, auf den die Augustiner Chorfrauen, denen lange Jahre die Trägerschaft unserer Schule oblag, zurückgehen.

Entwickeln Lehrerin diesem Sinn eine klare Haltung zum Schutz sowohl ihrer eigenen Integrität als auch der ihres Gegenübers und setzen sie dabei bewusst ganz persönliche Grenzen, lernen Schülerinnen und Schüler aus diesen Alltagserfahrungen Gleiches zu tun. Geraten Lehrkräfte aber unter Druck und müssen sich in jeder Sekunde des „Miteinanders“ fragen, ob sie gerade juristisch korrekt abgesichert sind, verlieren sie nicht nur den Kontakt zu sich selbst, sondern letztlich auch die Fähigkeit zur empathischen Zuwendung. Wir als Gemeinschaft der Hildegardis-Schule setzen daher innerhalb der durch den Verhaltenskodex definierten verlässlichen Standards bewusst auf persönliche Freiräume, sollen doch Korrektheit und Freundlichkeit an unserer Schule nicht zur leblosen Fassade werden.

Beziehungsorientiertes Führen heißt natürlich niemals, emotionale oder gar körperliche Nähe zu suchen, sondern sorgfältig abzuwägen, was jeweils situationsangemessen ist. Beispielsweise wird eine Lehrperson im Rahmen einer Klassenfahrt nicht ohne Grund den Schlaf- oder Sanitärbereich der Schülerinnen und Schüler betreten, wohl aber ein Kind, welches sich mit Heimweh in diesen Raum zurückgezogen hat, zu trösten wissen. Wie ihr das gelingt, hängt in hohem Maß von ihrer erworbenen Beziehungskompetenz ab, denn Nähe kann genauso wohltuend, wie peinlich, Distanz professionell, aber auch ignorant oder gar verletzend empfunden werden. Sicher aber schafft „unerwünschte Nähe“ ungewollt „Distanz“. Gerade deshalb darf ein tragfähiger Kompromiss nicht Ziel der Bemühungen sein, sondern die unbedingte Fähigkeit zu reflexiver Rationalität.

Jeder Lehrer muss sich diesbezüglich selbst mit dem eigenen Verständnis von ethisch korrektem Verhalten auseinandersetzen und ergänzend individuell eigene Antworten und Wege finden dürfen. Dabei hat er ein Recht auf Fortbildung, Supervision und kollegialen Austausch.

3. Prävention

Präventionsarbeit dient mit ihren klaren, transparenten Strukturen dazu, Gefahren im Auge zu behalten und allen Beteiligten größtmögliche Sicherheit zu vermitteln. Dabei werden die Grundsätze des Konzeptes konkretisiert, altersentsprechend verbalisiert und dem Entwicklungs-stand angemessen mit Leben gefüllt.

Das Präventionskonzept der Hildegardis-Schule stützt sich entsprechend auf verschiedene Säulen:

Verankerung im Leitbild der Schule

Kindern mit Liebe und Respekt zu begegnen, ihre Persönlichkeit ernst zu nehmen, ihre persönliche Grenzen zu achten und ihre Selbstbestimmung zu fördern, ist selbstverständlicher Bestandteil des Leitbildes unserer Schule. In Anerkennung der zentralen Bedeutung, die der Person des Lehrers dabei zuteil wird, arbeiten wir dabei an einem konkreten Leitbild Lehrer, welches gerade jungen Kollegen Orientierung geben soll.

Persönliche Eignung

Der Schulträger übernimmt in der Präventionsordnung, §4, die Verantwortung dafür, dass nur Personen mit der Beaufsichtigung, Betreuung und Erziehung [...] betraut werden, die neben der erforderlichen fachlichen auch über die persönliche Eignung verfügen.

Diesbezüglich wird sexualisierte Gewalt in jedem Vorstellungsgespräch thematisiert und die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses, einer Selbstauskunftserklärung und einer Selbstverpflichtungserklärung (Verhaltenskodex) verlangt.

Schulungen für Lehrer

Sexualisierte Gewalt kann in verschiedensten Formen und Abstufungen vorkommen und meint letztlich jede Form der Grenzverletzung, sei es körperlicher, verbaler oder psychischer Art. Sie führt in jedem Fall zu einer Entwürdigung, kann junge Menschen schwer belasten und sie letztlich in ihrer psycho-emotionalen Entwicklung dauerhaft hemmen. Wollen wir den uns anvertrauten Schülern Schutz gewähren, gilt es aufmerksam Signale betroffener Schüler wahrzunehmen und im Verdachtsfall kompetente Hilfe zu suchen, sich aber auch in der eigenen Selbstverantwortung weiterzuentwickeln. Dabei liegt besonderes Augenmerk darauf,

  • sein Gegenüber wahrzunehmen und sich darauf einzustellen,
  • eigene Verhaltensmuster und Grenzen zu reflektieren,
  • Wechselwirkungen zu berücksichtigen und
  • das eigene Verhaltensrepertoire authentisch zu erweitern.

Wie ebenfalls in der Präventionsordnung, §9, festgelegt, sorgt der Schulträger entsprechend für regelmäßige Schulungen. Unter der Überschrift „Nähe und Distanz als Herausforderungen professioneller Beziehungsgestaltung“ befassen sich die Lehrkräfte dabei zusätzlich mit Fragen von

  • angemessenem Nähe- und Distanzverhältnis,
  • Strategien von Täterinnen und Tätern,
  • Psychodynamiken der Opfer,
  • Dynamiken in Institutionen sowie begünstigenden institutionellen Strukturen,
  • Straftatbeständen und weiteren einschlägigen rechtlichen Bestimmungen,
  • eigener emotionaler und sozialer Kompetenz,
  • Kommunikations- und Konfliktfähigkeit,
  • Verfahrenswegen bei Anzeichen sexualisierter Gewalt,
  • Information zu notwendigen und angemessenen Hilfen für von sexualisierter Gewalt Betroffene, ihre Angehörigen und die betroffenen Institutionen,
  • sexualisierte Gewalt von Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen an anderen Minderjährigen und/oder schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen[16]

Präventionsangebote für Schülerinnen und Schüler

Ebenso legt die oben genannte Präventionsordnung in § 10 fest, im Sinne einer Primärprävention geeignete Maßnahmen zur Stärkung von Minderjährigen und schutz- oder hilfsbedürftigen Erwachsenen zu entwickeln.[17]

An der Hildegardis-Schule beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler im Rahmen der Präventionsarbeit in den Jahrgangsstufen 5, 7 und 9 bei unterschiedlicher Schwerpunktsetzung ausführlich mit Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt.

In Anlehnung an das Präventionsprogramm „Mein Körper gehört mir“ der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück, das in den allermeisten Grundschulen der Stadt erfolgreich durchgeführt wird, liegt das Augenmerk im Jahrgang 5 zunächst auf der körperlichen Selbstbestimmung. Die Schülerinnen und Schüler sollen ihren Körper dabei als wertvoll begreifen und erleben, dass sie selbst darüber bestimmen und weder Erwachsene noch Mitschüler ihre persönliche Grenze überschreiten dürfen. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit stellt das Lions Quest Programm „Erwachsen werden“ dar.

Die im Jahrgang 6 durchgeführte Sexualerziehung ist an den NAWI-Unterricht gebunden. Dabei geht es neben der reinen Vermittlung biologischen Wissens vor allem darum, Begrifflichkeiten bekannt und vertraut zu machen, kann doch kindliche Unwissenheit leicht von potentiellen Tätern ausgenutzt werden. Je sicherer Jugendliche im Umgang mit ihrer eigenen Sexualität werden, umso eher vermögen sie deren Grenzen schließlich zu verteidigen.

In den Jahrgangsstufen 7 und 9 hingegen werden die Präventionsmaßnahmen primär nicht von den gleichzeitig unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrern durchgeführt, sondern finden im Rahmen mehrstündiger Seminare mit externen Fachkräften entsprechender Fachberatungsstellen und nach Geschlechtern getrennt statt. Auf diese Weise wird eine unbefangenere Atmosphäre der Vertraulichkeit garantiert, in der es jungen Menschen leichter fällt, sich frei zu äußern. Auch werden die Schülerinnen und Schüler so über externe Gesprächs- und Hilfsangebote informiert. Natürlich trägt die Schule aber die Verantwortung für die Qualität und Inhalte, weshalb im Rahmen der SciVi-Stundeneine Reflexion erfolgen kann, aber niemals erzwungen wird. Auch hier gilt der selbstverständliche Grundsatz, Kindern und Jugendlichen nur dann persönlich nahe zu kommen, wenn diese jederzeit die Möglichkeit haben, sich der Nähe problemlos zu entziehen.

Das christliche Verständnis von Sexualität erhält ebenfalls in der Jahrgangsstufe 7 Raum, wenn im Rahmen des Religionsunterrichtes der Themenkomplex „Liebe, Sexualität und Partnerschaft“ behandelt wird.

Zielperspektiven des Programms werden im weiteren Verlauf ein erweiterter Lückenschluss zwischen Grundschule und Jahrgangsstufe 7 durch ein zusätzliches Angebot einer Fachberatungsstelle in der Jahrgangsstufe 5, sowie die Entwicklung gemeinsamer Curricula von SciVi, Religion und Biologie sein.

Allgemeine Präventionsgrundsätze aller genannten Bemühungen sind aber in jedem Fall:

  • Mein Körper gehört mir.
  • Es gibt angenehme, aber auch unangenehme Nähe. Meine diesbezüglichen Gefühle sind in jedem Fall zu respektieren.
  • Ich habe entsprechend das Recht, „Nein“ zu sagen.
  • Es gibt gute, aber auch grenzverletzende Geheimnisse.
  • Ich darf daher über meine Gefühle sprechen und bekomme Hilfe.
  • Ich bin nicht schuld.

Gesprächsangebote für Schülerinnen und Schüler

In aller Regel besteht zwischen Täter und Opfer ein asymmetrisches Machtgefälle. In diesem Abhängigkeitsverhältnis hat der Druck zur Geheimhaltung zentralen Charakter, wodurch potentielle Opfer oft sprachlos, wehrlos, hilflos werden.

Um diese Mauer des Schweigens zu durchbrechen und so potentiellen Tätern rechtzeitig die Macht zu nehmen, bieten wir mit Herrn Haase (Schulseelsorger), Frau Gille (Beauftragte für die Prävention von Missbrauch) und Herrn Grawe (Präventionsbeauftragter) geschulte Gesprächs-partner an.

Darüber hinaus kann sich jeder Jugendliche, der natürlich nur ganz allein sagen kann, welchem Gesprächspartner er sein Vertrauen schenken will[18], selbstverständlich auch an das Klassenleitungsteam oder eine Lehrkraft seiner Wahl wenden, ebenso wie die einbezogenen Fachberatungsstellen Ansprechpartner und damit sichere außerschulische Hilfe anbieten.

Durch eine Veröffentlichung der Gesprächspartner in der Betriebsanleitung wird die Nachhaltigkeit insofern gewährleistet, als neue Mitglieder der Schulgemeinschaft ständig in Kenntnis darüber gesetzt werden. Betroffenen oder auch nur verunsicherten Schülerinnen und Schülern soll auf diese Weise ein Weg aus der Isolation aufgezeigt, Grenzüberschreitungen frühzeitig aufgedeckt und beendet werden.

Fehlt trotz dieses vielschichtigen Gesprächsangebotes zunächst der Mut, öffentlich auf eine empfundene Integritätsverletzung zu reagieren, bieten die regelmäßig in allen Kursen ausgegebenen anonymisierten Evaluationsbögen, die immer auch verbindliche Fragen zum Wohlbefinden enthalten, die Möglichkeit, eine Lehrkraft auf mögliches Fehlverhalten hinzuweisen.

Krisenintervention

Angemessenes Handeln in Situationen, bei denen eine Grenzverletzung vermutet werden muss, ist für alle Seiten belastend und erfordert großes Fingerspitzengefühl.

Besteht trotz aller präventiven Bemühungen der Verdacht einer Grenzverletzung jedweder Art und wendet sich die betroffene Schülerin oder der Schüler an eine selbst gewählte Vertrauensperson, erfolgt nach besonnenen Primärgesprächen einvernehmlich und in Kooperation mit der Beauftragten für die Prävention von Missbrauch eine Meldung an die Schulleitung. Diese bemüht sich primär um eine Sicherstellung des Kindeswohles, kommt im Falle eines innerschulischen Verdachtes aber ebenso ihrer Fürsorgepflicht dem Mitarbeiter gegenüber nach und wahrt so ihr Neutralitätsgebot. Erhärtet sich der geäußerte Verdacht nach Einzelgesprächen mit dem betroffenen Jugendlichen, den Erziehungsberechtigten und ggf. der Lehrkraft, erfolgt eine schrittweise Weiterbearbeitung durch übergeordnete Stellen.[19]

4. Daran glauben wir

Neben der reinen Wissensvermittlung wollen wir als Hildegardis-Schule junge Menschen ganzheitlich begleiten und ihnen helfen, Hoffnung, Lebensmut und soziale Kompetenz zu entwickeln.

In diesem Sinn sind wir Schule auf dem Weg, üben uns im achtsamen Miteinander und leben mit dem Mut zum Wir eine Kultur der Verantwortung uns selbst und anderen gegenüber, in der jedem einzelnen, egal ob Lehrer, Schüler, Sekretärin, Hausmeister, Cafeteria-Angestellter, Raumpflegerin oder Elternteil mit Respekt, aber auch Offenheit begegnet werden kann, ohne dabei seine Persönlichkeitsrechte zu verletzen.

Das Zukunftsbild unserer Schule wurzelt dabei in Werten wie Gleichwürdigkeit, Integrität, Verantwortung, Vertrauen und Empathie[20]. Die Entwicklung auf diesem Fundament stehender, verlässlicher Beziehungen von Schülerinnen und Schülern zu ihren Lehrpersonen ist für uns von größter Bedeutung, die körperliche und seelische Unversehrtheit aller Beteiligten unser selbstverständliches, höchstes Bestreben.

Beziehungskompetenz und Bindung entstehen nach unserer festen Überzeugung nicht durch vorgeschriebene Distanz, sondern eine fachliche Eignung und persönliche Haltung, für deren Entwicklung und stetige Evaluation wir alle gemeinsam Verantwortung tragen.

Unter dem Schutz der verantwortungsvollen Regelungen des Trägers kehren wir also an den Ausgangspunkt unserer Bemühungen zurück, erinnern uns daran, was uns wirklich wichtig ist, und dürfen uns fragen: Welche Wege wollen wir zukünftig gehen und welche Wegweiser sind nötig, um sie sicher zu finden?

Das Vertrauen in die Wachstumsfähigkeit der Gemeinschaft und die persönliche Entwicklung aller Beteiligten dieses Prozesses entspringt dabei unserer optimistischen Grundhaltung und dem humanistischen Geist dieser Schule.

Literatur

Bergmann, Wolfgang: Geheimnisvoll wie der Himmel sind unsere Kinder. München 2010

Die deutschen Bischöfe: Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Handreichung für katholische Schulen, Internate und Kindertagesein-richtungen. (Die deutschen  Bischöfe 32) Bonn 2010

Die deutschen Bischöfe: Qualitätskriterien für Katholische Schulen – ein Orientierungsrahmen. (Die deutschen Bischöfe 90) Bonn 2009

Dollase, Rainer: Lehrer- Schülerbeziehungen und die Lehrerpersönlichkeit - Wie stark ist ihr empirischer Einfluss auf Leistung und Sozialverhalten? In: Persönlichkeit und Beziehung als Grundlage der Pädagogik.  Hrsg. von Jochen Krautz und Jost Schieren. Weinheim 2013

Dörr, Magret und Müller, Burkhard: Nähe und Distanz – Ein Spannungsfeld pädagogischer Professionalität. Weinheim 2006

Enders, Ursula: Grenzen achten – Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen; Verlag Kiepenheuer & Witsch (2012)

Erzbischöfliches Generalvikariat Paderborn (Hrsg.): Augen auf, hinsehen & schützen – Information zur Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Paderborn 201

Gravissimum Educationis - Über die christliche Erziehung. Erklärung des II. Vatikanischen Konzils 1965

Hattie, John: Lernen sichtbar machen. Hohengehren 2009

Mertes, Klaus und Siebner, Johannes: Schule ist für Schüler da. Freiburg 2010

Mertes, Klaus: Widerspruch aus Loyalität. Würzburg 2012

Reinke, Andreas: Das wird Schule machen. München 2015

Ordnung zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen für die Erzdiözese Paderborn, veröffentlicht in KA 2014; Stück 4, Nr. 64

Ausführungsbestimmungen zu den §§ 3, 5, 6, 7, 8, 9 und 12 der Ordnung zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen für die Erzdiözese Paderborn, veröffentlicht in KA 2014; Stück 4, Nr. 64

 

Links

Informationen zu der zu Grunde liegenden Präventionsordnung, sowie zahlreichen Hilfsangeboten und Ressourcen im Netz finden sich unter:

http://www.praevention-erzbistum-paderborn.de

http://www.bezreg-arnsberg.nrw.de/themen/s/sexualisierte_gewalt/index.php

http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/kinder-und-jugend,did=119884.html

 

[1]Vgl. Hattie: Lernen sichtbar machen. Hohengehren 2009, S. 90

[2]Vgl. Die deutschen Bischöfe: Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern, Jugendlichen und jungen Erwach- senen. Handreichung für katholische Schulen, Internate und Kindertageseinrichtungen. (Die deutschen  Bischöfe 32) Bonn 2010, S.16

[3]Vgl. Mertes und Siebner: Schule ist für Schüler da. Freiburg 2010, S. 63

[4]Vgl. Bergmann: Geheimnisvoll wie der Himmel sind unsere Kinder. München 2010, S. 80/120

[5]Mt18, 10

[6]Röm 13, 10; 1 Kor 13, 1

[7]Gravissimum Educationis - Über die christliche Erziehung. Erklärung des II. Vatikanischen Konzils 1965

[8]Mt 22, 34-40

[9]Vgl. Bergmann: Geheimnisvoll wie der Himmel sind unsere Kinder. München 2010, S. 76

[10]Vgl. Hattie: Lernen sichtbar machen. Hohengehren 2009, S. 143

[11]Vgl. Dörr und Müller: Nähe und Distanz. Weinheim 2006, S. 7

[12]Vgl. Hattie: Lernen sichtbar machen. Hohengehren 2009, S. 143

[13]Vgl. Dollase: Lehrer- Schülerbeziehungen und die Lehrerpersönlichkeit - Wie stark ist ihr empirischer Einfluss auf Leistung und Sozialverhalten? In: Persönlichkeit und Beziehung als Grundlage der Pädagogik.  Hrsg. von Jochen Krautz und Jost Schieren. Weinheim 2013, S. 87

[14]Vgl. Die deutschen Bischöfe: Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Handreichung für katholische Schulen, Internate und Kindertageseinrichtungen. (Die deutschen  Bischöfe 32) Bonn 2010, S. 7

[15]Vgl. Mertes: Widerspruch aus Loyalität. Würzburg 2012, S. 67

[16]Vgl. Ordnung zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen für die Erzdiözese Paderborn, veröffentlicht in KA 2014; Stück 4, Nr. 64, S. 4

[17]Vgl. Ordnung zur Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen für die Erzdiözese Paderborn, veröffentlicht in KA 2014; Stück 4, Nr. 64, S.4

[18]Vgl. Mertes und Siebner: Schule ist für Schüler da. Freiburg 2010, S. 51

[19]Erzbischöfliches Generalvikariat Paderborn (Hrsg.): Augen auf, hinsehen & schützen – Information zur Prävention von sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Paderborn 2014, S.10

[20]Vgl. Reinke: Das wird Schule machen. München 2015, S. 178

    Letzte Änderung: 08.08.2017