Inhaltsverzeichnis

Internationale Vorbereitungsklasse

1. Grundlagen

Der ständig wachsende Zustrom von Flüchtlingen und Asylsuchenden in der Stadt Hagen führte zu einem erkennbaren Engpass in der schulischen Betreuung von Flüchtlings- und Asylantenkindern, die in NRW der Schulpflicht unterliegen. Trotz großer Bemühungen von öffentlichen Schulen und dem kommunalen Integrationsbüro der Stadt Hagen gelingt es nicht, allen neu zugezogenen Schülerinnen und Schülern zeitnah einen Schulplatz anzubieten.
Die Hildegardis-Schule Hagen sieht es schon aufgrund des spezifisch christlichen Schulprofils als zentrale Aufgabe an, die städtischen Institutionen nach besten Möglichkeiten bei den vielfältigen Bemühungen zu unterstützen, die Situation der Flüchtlings- und Asylantenkinder zu optimieren, und realisiert auch in diesem Bereich den Grundgedanken – „Und er stellte ein Kind in ihre Mitte“[1] – des Schulprogramms.

Der Schulträger unterstützt die Initiative der Hildegardis-Schule zur Bildung einer Förderklasse mit maximal 20 Schülerinnen und Schülern auf vielfache Weise.
Neben dieser u.a. finanziellen Unterstützung erklärte sich das Erzbistum Paderborn vor dem Hintergrund der erkennbaren Notlage, in der sich Flüchtlings- und Asylantenkinder befinden, auch dazu bereit, die Kinder entgegen der sonst üblichen Modalitäten an erzbischöflichen Schulen konfessionsunabhängig aufzunehmen, und bietet ihnen darüber hinaus sogar die Möglichkeit, nach erfolgreichem Abschluss der Vorbereitungsklasse die Hildegardis-Schule bis zum Abitur zu besuchen, sofern eine gymnasiale Eignung nachgewiesen wird.

Seit dem 13. April 2015 werden Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren aus den unterschiedlichsten Nationen an der Hildegardis-Schule unterrichtet, die der Schule von dem Kommunalen Integrationsbüro der Stadt Hagen zugewiesen werden. Die Gruppe zeichnet sich dabei durch eine große Heterogenität in den Rubriken Alter, Herkunft, Vorbildung und Leistungsfähigkeit aus.
Zunächst konzentriert sich die schulische Ausbildung auf die Vermittlung der Zielsprache Deutsch, um die wichtigste Grundlage für eine erfolgreiche Teilnahme am Regelunterricht des Gymnasiums zu legen, denn „die Beherrschung der deutschen Sprache [steht] an erster Stelle vor jeder anderen Zielsetzung des Unterrichts“.[2]
Zugleich erfolgt ein „Integrationstraining“ (SciVi-Stunden), in dessen Verlauf die Schülerinnen und Schüler mit den Eigenheiten und Abläufen in ihrer neuen Heimat vertraut gemacht werden sowie die im Unterricht behandelten Themen praktisch umgesetzt werden können. Der Mathematik- sowie der Englischunterricht flankieren den Deutschunterricht.Da die Schülerinnen und Schüler in diesen Fächern häufig nicht auf ein entsprechendes Vorwissen aus ihren Heimatländern zurückgreifen können, ist eine Separierung auch an dieser Stelle sinnvoll, um die SuSdurch eine entsprechende Förderung möglichst zeitnah regelschulfähig zu machen. Darüber hinaus erhalten sie Unterricht in den Fächern Geschichte, Philosophie, Kunst und Sport, wodurch im Sinne ganzheitlicher Bildung ein breiteres Themen- und Erfahrungsspektrum ermöglicht wird und der Wortschatz fachbezogen erweitert werden kann. Neben fachlichen Inhalten liegt somit auch hier der Fokus auf sprachlichen Aspekten.

Sobald die SuS ein gewisses Sprachniveau erreicht haben (mindestens beginnendes A2-Niveau) sollen die Kinder der Vorbereitungsklassedann vereinzelt am Unterricht der Regelklassen teilnehmen (v.a. in Kunst, Musik, Sport sowie einigen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern), um eine schrittweise und behutsame Integration in die Schulgemeinschaft zu erfahren und in Kontakt mit Gleichaltrigen zu treten, ohne sich aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse überfordert zu fühlen.In diesen Fächern sind sie von der Benotung befreit. Auch eine Teilnahme an AGs im Nachmittagsbereich ist wünschenswert.

Schülerinnen und Schüler der Oberstufe des Gymnasiums übernehmen darüber hinaus Lernpatenschaften als zusätzliche sprachliche und soziale Förderung in der Mittagspause oder in ihren Freistunden.

Ziel der Vorbereitungsklasse ist es, die Schülerinnen und Schüler auf den Besuch einer Regelschule vorzubereiten. Sollten Absolventen der Vorbereitungsklasse eine gymnasiale Eignung nachweisen und am Regelunterricht der Hildegardis-Schule teilnehmen wollen, sind sie herzlich dazu eingeladen. Neben dieser grundsätzlichen Öffnung gilt es jedoch, auch strukturelle Bedingungen zu schaffen, die eine erfolgreiche Beschulung in einem Gymnasium ermöglichen.

Aufgrund der positiven Erfahrungen, die die Schule im Rahmen ihres 2013 begonnenen Schulentwicklungsvorhabens Individualisierung von Lernprozessen und Formaten der Leistungsüberprüfung in der Sekundarstufe II bereits sammeln konnte, fühlt sie sich ausdrücklich darin bestärkt, auch in der Sekundarstufe I Individualisierungsprozesse zu ermöglichen und damit das Bildungsangebot an einem Gymnasium noch stärker an die konkrete Bedarfslage der Schülerinnen und Schüler anzupassen.

 

2. Unterricht „Deutsch als Zweitsprache“

Das Ziel der Vorbereitungsklasse ist die Vermittlung ausreichender Sprachkenntnisse, die auf den Unterricht in Regelklassen vorbereiten. Dazu gehören sowohl die alters­gemäße Nutz­ung der Sprache in mündlichen und schriftlichen Bereichen als auch die Beherr­schung von Lernstrategien zur selbstständigen Sprachkompetenzerweiterung. Darüber hinaus sollen die Schülerinnen und Schüler Sprachbewusstheit erlangen und in ihrer Iden­titätsfindung durch interkulturelle Kompetenz gestärkt werden.

Unter Rückbezugnahme auf die interaktionistische Sprachtheorie nach Bruner ergibt sich auch für den Zweitsprachenunterricht die Schlussfolgerung, dass jede Kommunikation sprachfördernde Anteile enthält und die Anpassung an die sprachlichen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler als Basis für eine gelingende Kommunikation und Unterrichtssituation vorauszusetzen ist. Die Kommunikation zwischen den Schülerinnen und Schülern innerhalb der Vorbereitungsklasse und außerhalb zwischen ihnen und muttersprachlichen Schülerinnen und Schülern ist dabei essentiell für den Spracherwerb, da der Lehrer als alleiniges sprachliches Vorbild nicht ausreicht.

Die vorübergehende Segregation der Schülerinnen und Schüler in eine gemeinsame Vorbereitungsklasse ermöglicht einen an die Kompetenzen der Kinder angepassten Unterricht in den unterschiedlichen Fächern. Da sie vorrangig ohne Kenntnisse in der deutschen Sprache in die Schule kommen, ist der Unterricht zunächst an mündlich-kommunikativen Bereichen orientiert, der die Schülerinnen und Schüler zur Teil­nahme am Alltagsleben befähigen soll. Hieraus ergibt sich ein integrativer Ansatz, der Situations-, Kommunikations- und Handlungsorientierung mit einem sprach­bewussten und progressiven Grammatikunterricht verbindet. Neben den mündlich-kommunikativen Fähigkeiten rücken zunehmend auch die Kompetenzen im Bereich der Textrezeption und -produktion in den Fokus, da die Alltagssprache allein nicht zur Teilnahme an Regelklassen mit bildungs­sprachlichem Niveau befähigt.

„Mehrsprachigkeit ist ein kultureller Reichtum in einer immer stärker zusammenwachsenden Welt.“[3] Aus diesem Grund werden die Erstsprachen nach Möglichkeit in den Unterricht mit einbezogen, um einerseits eine (kontrastive) Auseinandersetzung zu erreichen und andererseits das positive sprachliche Selbstkonzept der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Auch in motivationspsychologischer Hinsicht ist es wichtig, dass sie eine Wertschätzung ihrer Kultur und Erstsprache erfahren, um sich so offen mit der neuen Sprache, Umgebung und Kultur auseinanderzusetzen. Als Konse­quenz daraus ergibt sich eine offene Unterrichtsgestaltung, die die Lernerfahrungen und den Lernprozess der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt stellt und die Anwendung von Sprache in und außerhalb der Schule fördert.

Konkret umgesetzt bedeutet dies für den „Deutsch als Zweitsprachen“-Unterricht an der Hildegardis-Schule, dass die Schülerinnen und Schüler der Vorbereitungsklasse ihren Wortschatz und ihre sprachlichen Strukturen kontextbezogen erweitern, indem eine Unterrichtswoche jeweils einen bestimmten Bereich der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler fokussiert. Hierbei steht die Handlungsorientierung im Vordergrund, gleichzeitig wird jedoch auch viel Wert auf die Visualisierung neuer Wörter und Sachverhalte gelegt, da neben der eigen­ständigen Anwendung der Sprache auch die imitierende Wiederholung als Einübung von Sprachmustern wichtig ist. In einem geschützten Raum erhalten die Schülerinnen und Schüler so die Möglichkeit, ihre mündliche Sprachkompetenz zu erweitern und zu trainieren.

Da sprachliches und fachliches Lernen nicht voneinander zu trennen sind, werden sprachliche Aspekte auch im Fachunterricht fokussiert.

Derzeit besuchen 20 Kinder zwischen 11 und 16 Jahren die Förderklasse der Hildegardis-Schule. In Bezug auf den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen lassen sich die sprachlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler derzeit überwiegend in den Bereich der elementaren Sprachverwendung (A1 und B2) einordnen. Innerhalb dieser Niveaus wird von der Lehrkraft weiter differenziert. Hierbei ist anzumerken, dass es sich um keine starre Einteilung der Schüler auf die Niveaustufen handelt, der Übergang ist vielmehr fließend und bedarf einer ständigen Evaluation. Schülerinnen und Schüler, deren Muttersprachen andere Schriftzeichen verwenden, oder die die Schriftzeichen allgemein nur defizitär beherrschen, erhalten ein zusätzliches Schreibtraining, welches die Gra­­phem-/Phonem-Zuordnung fokussiert.

Die Wochenplanarbeit hilft dabei, eigenständige Lernstrategien zu entwickeln, auf die auch beim Besuch der Regelklasse zurückgegriffen werden kann, und fördert so das eigenverantwortliche Lernen.

Aktuell werden in der Förderklasse täglich zwei bis vier Stunden Deutsch unterrichtet. Diese intensive Förderung ergibt sich aus dem Bestreben, die Schülerinnen und Schüler für den Regelunterricht an einem Gymnasium bzw. einer weiterführenden Schulform zu befähigen.

Im Sinne des Scaffoldings[4] lässt sich sagen, dass die Schülerinnen und Schüler über die mündliche Annäherung an Themenbereiche schrittweise zum Verfassen eigener Sätze und Texte angeleitet werden, woraus sich auch eine sprachbewusste, progressive und kontextbezogene Grammatik­vermittlung ergibt. Phasen des gemeinsamen Lernens als kommunikativer Ansatz korrelieren auf diese Weise mit eigenständigen und individualisierten Lernprozessen.

3. Schullaufbahn aufgenommener Schülerrinnen und Schüler

3.1 Schematische Darstellung

Aufnahme der Schüler in die Vorbereitungsklasse
(individuelle Diagnose zum aktuellen Kenntnisstand des Schülers/der Schülerin in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik)    
 
Gemeinsame Beschulung der Schüler und Schülerinnen in der Vorbereitungsklasse in den Fächern Deutsch, Englisch, Geschichte, Kunst, Mathematik, Philosophie, SciVi und Sport 
(gemeinsamer Unterricht sowie binnendifferenzierende Arbeit)    
 
Unterricht in der Vorbereitungsklasse sowie vereinzelt Besuch von Regelklassen der jeweiligen Altersstufe, v.a. in den Fächern Kunst, Musik, Sport, Erdkunde und Politik    
 
Übergang in die Regelklasse der passenden Schulform nach Beschluss der Klassenkonferenz, entsprechendes Gutachten wird der aufnehmenden Schule zugeleitet; weitere Förderung im Bereich von DaZ muss gewährleistet werden

 
Die Verweildauer in der Vor­bereitungsklasse ist insgesamt auf 1-2 Jahre angelegt, wird jedoch individuell je nach Kom­petenzen der SuS festgelegt. Der vereinzelte Besuch von Regelklassen in bestimmten Fächern ist ebenfalls individuell zu entscheiden.

3.2 Erklärung der Vorgehensweise

Die Klassenkonferenz beschließt die Regelschulfähigkeit der Schülerinnen und Schüler, wobei der Zeitpunkt individuell je nach Lernentwicklung, Arbeitsverhalten und sozialer Entwicklung festzusetzen ist. Spätestens nach zwei Jahren in einer Vorbereitungsklasse sollten die Schülerinnen und Schüler jedoch regelschulfähig sein – Aufgabe der Klassenkonferenz ist es an dieser Stelle, ein individuell passendes Schulsystem zu finden. Schülerinnen und Schüler, die als gymnasialfähig eingestuft werden, können in das Regelsystem der Hildegardis-Schule aufgenommen werden, sofern sie dem christlichen Profil der Schule und den im Schulvertrag festgelegten Bedingungen zustimmen.

Schülerinnen und Schüler, für die ein anderes, besser geeignetes Schulsystem gefunden werden muss, werden in Hagen durch Absprachen der Schuldirektoren auf einer Regionalkonferenz verteilt. Die Organisation dieser Konferenz unterliegt dem Fachbereich Bildung der Stadt Hagen (Untere Schulaufsicht).

 

[1] Mk 9,36

[2] BASS 13-63 Nr. 3

[3] BASS 13-63 Nr. 3

[4] Der englische Begriff scaffolding (deutsch: (Bau)Gerüst) meint im pädagogischen Kontext das Errichten von Lerngerüsten und impliziert somit eine aufbauende Sprachförderung. Die theoretische Grundlage für dieses Konzept legte der Psychologe Lew Wygotski.

    Letzte Änderung: 03.07.2017